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Ein Naturlehrpfad - ganz digital

ZO/AvU, Dario Aeberli 13.05.2019

Am Samstag wurde der Naturlehrpfad in Egg offiziell eröffnet. Bei der Einweihung gab es für die Besucher gleich mehrere Überraschungen.

Irgendetwas ist unter dem grossen, beigen Stofftuch verborgen. Andreas Gantenbein vom Verein Kulturerbe Egg steht zwar gleich daneben, würdigt das Objekt vor dem Wasserreservoir aber keines Blickes. Stattdessen begrüsst er die rund 60 Besucher, die an diesem Samstagvormittag zur Einweihung des neuen Naturlehrpfades erschienen sind. Die Überraschung sparen er und seine fünf Kollegen sich bis zum Schluss auf.

«Bis vor kurzem hatte es hier im Büelholz 57 alte Holzpflöcke mit nichts als einer nummerierten Plakette drauf», erzählt Gantenbeins Mitstreiter Jürg Eck. Nur die wenigsten Egger hätten noch gewusst, was sie mit den Nummern auf den Pflöcken anfangen sollten. Einige Besucher tauschen verstohlene Blicke. Was hatte es nochmals damit auf sich? Eck zückt ein kleines, leicht vergilbtes Büchlein mit dem Titel «Pflanzenlehrpfad Büelholz». Darin konnte man früher die Nummer des Holzpflocks nachschlagen und sich über die Pflanzen in der Umgebung informieren. Alles analog.

Aber mittlerweile gibt es neue technische Möglichkeiten. Deshalb haben er und seine Kollegen auf den neuen Holzpflöcken neben den Zahlen ebenfalls einen «Quick-Response-Code», kurz QR-Code, angebracht. Statt mit einem zwanzig Jahre alten Büchlein könne man den Wald heute mit dem Smartphone erkunden. Ganz digital.

Die Enthüllung

Für die Leute, die kein Smartphone besitzen oder nach wie vor eine gedruckte Broschüre bevorzugen, hat der Verein Kulturerbe das 20 Jahre alte Büchlein erneuert. Neu werden darin auch Themen wie Littering und Trinkwasserversorgung behandelt. «Das passt zum aktuellen Zeitgeist – auch wenn bei dem Projekt nur pensionierte Männer mitgewirkt haben», sagt Eck.

Nach dem Vorgeplänkel erfahren die Besucher schliesslich, was sich unter dem beigen Tuch verbirgt. Zu zweit ziehen die Verantwortlichen an der Abdeckung und zum Vorschein kommt: ein Brunnen. Die Anwesenden lachen. Durch den anhaltenden Regen hat niemand das Plätschern des Brunnens wahrgenommen. Bezahlt wurde er von der Gemeinde Egg.

Für Gantenbein und seine Kollegen sei klar gewesen, dass es hier vor dem Wasserreservoir und den neuen Infotafeln zur Wasserversorgung einen Brunnen braucht. Das habe auch die Gemeinde so gesehen und das Projekt ohne grössere Diskussion bewilligt.

Im Anschluss werden die rund 60 Anwesenden mit Bärlauch-Focaccia, Chips und Weisswein verpflegt. Die Energiezufuhr scheint allerdings niemanden gross zu beflügeln, um den 1.2 Kilometer langen Naturlehrpfad mit dem Handy abzulaufen. Die meisten Anwesenden bleiben mit ihren Schirmen ums Verpflegungszelt stehen und unterhalten sich.

Es gibt ja auch keinen Grund zur Eile, der Naturlehrpfad soll der Bevölkerung noch jahrelang zur Verfügung stehen. «Bei allfälligen Schäden an der Infrastruktur wird uns der Werkhof Egg unterstützen und helfen, den Pfad instand zu halten», sagt Gantenbein. In Zukunft wünscht er sich, dass Familien und Schulklassen von der Arbeit des Vereins profitieren können. Zwei Mütter mit je zwei Kindern sagen, dass sie den Pfad eventuell später noch ablaufen werden.

Telefonieren im Wald

In dem Moment kommt eine Spaziergängerin aus dem Wald zurück. Was hält sie vom Pfad und funktionieren die QR-Codes auch? «Das mit dem Handy habe ich nicht probiert, aber den Naturlehrpfad finde ich super», sagt sie.

Weil immer mehr Leute nach Hause gehen, beschliessen die Organisatoren, bereits vorzeitig die Gewinner des Wettbewerbs zu küren. Sieben Personen schafften es, alle zehn Fragen richtig zu beantworten. «Und zwar alles Frauen», ergänzt Jürg Eck. Sechs pensionierte Männer kreierten den Naturlehrpfad – die neuen Expertinnen sind jedoch die Frauen. Zum zweiten Mal sind die Besucher überrascht.

Etwas abseits des Geschehens fuchtelt ein Mann wild mit seinem Smartphone umher. Probiert sich da doch noch jemand an den QR-Codes und erkundet die Natur mit dem Handy? Nein, er führt bloss eine Videokonferenz mitten im Wald.