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Verkehrsstreit auf der Zielgeraden

ZO/AvU, Benjamin Rothschild 12.07.2014

Der Egger Gemeinderat teilt mit, welche Varianten zur Verkehrsführung er der Bevölkerung zur Abstimmung vorlegen wird und welche er favorisiert. Die Gegner der Ortskernumfahrung ärgern sich über die Informationspolitik der Gemeinde.

Katharina Kunz ist aufgebracht: «Ich bin zutiefst irritiert. Der Gemeinderat informiert die Bevölkerung kurz vor den Sommerferien und in manipulativer Art und Weise», sagt das Mitglied der Interessengemeinschaft Ortsdurchfahrt Egg (IG OD Egg). Kunz’ Unmut richtet sich in erster Linie gegen die Visualisierungen, die der Gemeinderat seiner Pressemitteilung anhängte: Diese sollen von den beiden Verkehrsführungs-Varianten, die der Egger Bevölkerung am 28. September zur Abstimmung vorgelegt werden, einen ersten Eindruck vermitteln.

Die Variante «Zentrum», die rund 3,9 Millionen Franken kostet, sieht vor, den Verkehr weiterhin in erster Linie über die Forchstrasse abzuwickeln. Diese soll zu diesem Zweck verbreitert werden.

Gemäss der rund 3,6 Millionen Franken teuren Variante «oberirdisch» soll der Verkehr von der Forchstrasse in die neue Meilenerstrasse – und damit durch ein Wohnquartier – umgeleitet werden. Es ist die bevorzugte Variante des Gemeinderats – und das Horrorszenario der IG OD Egg.

Umstrittene Bilder

Gemäss Kunz werde die Variante «Zentrum» durch die Visualisierung abgewertet. Tatsächlich sind darauf viel Asphalt sowie ein Auto, das einem Velofahrer bedrohlich nahe zu kommen scheint, zu sehen. Die Visualisierung der Variante «oberirdisch» vermittelt demgegenüber einen etwas freundlicheren Eindruck: Eine Mutter fährt mit ihrem Kind auf einer verkehrsfreien Strasse Velo, der grosszügige Bürgersteig ist von Bäumen gesäumt. Gemäss Katharina Kunz werde so ein falsches Bild gezeichnet und der Bevölkerung Sand in die Augen gestreut. «Den Preis, den wir für die Variante ‹oberirdisch› zu zahlen haben – nämlich ein zerstörtes Oberdorf –, sieht man nicht.»

Tunnel war zu teuer

Derart emotionale Voten sind in der Egger Verkehrsdebatte nicht neu. Seit rund drei Jahrzehnten wird in der Pfannenstielgemeinde über das Thema Ortskernumfahrung und Alternativen diskutiert. Heftig, manchmal gehässig – aber bislang ohne Ergebnis. Und immer wieder wird die Vergangenheit ins Feld geführt.

Von der in der Variante «oberirdisch » enthaltenen Ortskernumfahrung, auch «Spange» genannt, habe man bereits 1978 gewusst, meint Gemeindepräsident Rolf Rothenhofer (parteilos). Damals seien die entsprechenden Baulinien gezogen worden. «Wer dort baute, musste ab da immer damit rechnen, dass dort einst eine Strasse durchführen könnte », so Rothenhofer. Tatsächlich wurde das Projekt «Spange» 1983 in den kantonalen Richtplan aufgenommen. Damals allerdings noch unter der Bedingung, dass eine Studie auszuarbeiten sei, die eine Lösung mit einem Tunnel beurteilen sollte.

Die Idee eines Tunnels unterhalb der Neuen Meilenerstrasse stand auch jetzt wieder zur Diskussion. Diese Variante bezeichnet der Egger Gemeinderat als «technisch bestechend». Mit Kosten von gesamthaft 40,5 Millionen Franken – wobei 30 Millionen auf die Gemeinde gefallen wären – sei diese Lösung jedoch schlicht zu teuer.

Die Angst um das Zentrum

Wie auch immer die Bevölkerung am 28. September entscheiden wird, am Ende wird eine Partei unzufrieden sein. Wird die Variante «oberirdisch» angenommen, werden dies vor allem die Bewohner rund um die Meilenerstrasse zu spüren bekommen. Sogar Rothenhofer räumt ein, dass in diesem Quartier mit mehr Verkehr zu rechnen sein werde.

Würde sich die Variante «Zentrum » durchsetzen, wären jedoch ebenfalls einige Dorfbewohner enttäuscht. Einer von ihnen ist Patrik Thalparpan. Er hat im Winter 2012 die Petition «Attraktives Dorfzentrum in Egg» mit ins Leben gerufen. Diese wurde von 1360 Personen unterzeichnet. «Setzt sich die Zentrumsvariante durch, wird das Dorfzentrum verschandelt», so Thalparpan. Es würde dann nur noch zwei schmale Bahnübergänge geben, die lediglich von Fussgängern passiert werden könnten. Autos könnten nicht mehr ins Unterdorf gelangen. Das Dorf würde in zwei Teile zerschnitten. Thalparpan begrüsst es, dass der Bevölkerung nun beide Varianten zur Abstimmung vorgelegt werden. «Ich finde das demokratisch», meint er.

«So geht das nicht»

Katharina Kunz ist da kritischer. «Die Stimmbürger müssen in dieser Frage eine heikle Güterabwägung treffen. Da muss die Gemeinde besser informieren, so geht das nicht.» Kunz stört sich weiter daran, dass der Gemeinderat erst am 28. August zu einer Informationsveranstaltung lädt. «Genau dann erhalten die Leute auch die Abstimmungsunterlagen. Sie müssten sich ihre Meinung aber schon vorher bilden können. So ist das eine Information auf den letzten Drücker.»

Gemeindepräsident Rothenhofer weist diese Vorwürfe zurück: «Nach den Sommerferien kann man sämtliche Pläne und Unterlagen zur Verkehrsführung im Gemeindehaus einsehen.» Dass der Gemeinderat jetzt, also kurz vor den Sommerferien, informiere, sei den Umständen geschuldet. «Wir mussten warten, bis der Kanton uns über die Kosten der jeweiligen Variante informiert. Das war erst letzte Woche der Fall.»

Auch widerspricht Rothenhofer der Aussage von Kunz, wonach die Visualisierungen manipulativ seien. «Wir müssen die Varianten so darstellen, wie sie aussehen könnten.» Es entspreche den Tatsachen, dass die Gemeinde mit der Variante «oberirdisch » die Möglichkeit hätte, den Verkehr im Zentrum zu beruhigen. Die Forchstrasse werde im Fall einer Annahme der «Spange » nämlich zu einer kommunalen Strasse abklassiert. Die Gemeinde hätte dann weitgehend Gestaltungsfreiheit und würde eine 30er Zone sowie ein Fahrverbot für Lastwagen prüfen, so Rothenhofer.

Denkbar ist übrigens auch, dass die Bevölkerung am 28. September beide Varianten ablehnt. In diesem Fall würden lediglich die Forchbahnübergänge saniert. Kosten für die Gemeinde: rund 1,5 Millionen Franken.