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Egger Dorfmetzg muss aufgeben

regio.ch, Benjamin Rothschild 28.08.2014

Die Schliessung seiner Metzgerei ist für Heinz Alder eine emotionale Angelegenheit. Einen wichtigen Grund für das Ende ortet der Metzgermeister im veränderten Einkaufsverhalten der Leute aus der Region.

Heinz Alder (49) erinnert sich noch gut an die Zeit, als er als Kind die grossväterliche Metzgerei in Esslingen auf Trab hielt: «Ich habe den Kunden jeweils Spielsachen vor die Füsse geworfen. » Das Familiengeschäft hat mittlerweile ins Dorfzentrum umgesiedelt, Heinz Alder steht längst selbst hinter dem Tresen. Die kindliche Freude ist dem ernsten Ausdruck eines Metzgermeisters gewichen, der nicht weiss, wo er im nächsten Jahr seinen Lebensunterhalt bestreiten wird.

Weniger Umsatz wegen Migros

Den Entschluss, die Metzgerei zu schliessen, habe er bereits vor einem Jahr gefasst, so Alder. Seit vor rund fünf Jahren die Migros mit integrierter Metzgerei in der Egger Gewerbezone ihre Pforten geöffnet habe, sei es mit dem Umsatz bergab gegangen. Die letzten vier Jahre seien «Nullrunden » gewesen. Nun würden in der Metzgerei Sanierungsarbeiten für mehr als 100'000 Franken anstehen. Solche könne er sich schlicht nicht leisten. Hinzu komme, dass sich in seiner Familie ausser ihm und seiner Mutter Euphemia niemand fände, der sich ein berufliches Engagement im Betrieb vorstellen könne. Seine drei Töchter hätten andere Pläne und würden nur sporadisch aushelfen. «Die Metzgerei weiterzuführen, macht bei dieser Ausgangslage keinen Sinn», sagt Alder. Ab Anfang November wird Egg deshalb um ein 70 Jahre altes Familienunternehmen ärmer sein.

Anderes Konsumverhalten

Gemeindeschreiber Tobias Zerobin bedauert dies. Versäumnisse seitens der Gemeinde kann er aber nicht feststellen. «Das Konsumverhalten hat sich ganz einfach verändert», meint er. Dies sieht auch Heinz Alder so: «Die Tradition des ‹Sonntagsbratens› gibt es zum Beispiel nicht mehr», sagt er.

Ganz auf Kritik an der Gemeinde verzichtet Alder aber nicht. Das Kleingewerbe habe es in Egg schwer. Das von der Gemeinde anvisierte Verkehrskonzept und das Projekt «Chilbiplatz » seien dem Dorfplatz und seinen Läden nicht förderlich. Das Zentrum habe sich mittlerweile in die Gewerbezone auf der anderen Seite der Forchbahngleise verlagert, wo vor drei Jahren auch ein Coop-Center eröffnet wurde.

Tobias Zerobin entgegnet, dass diese Entwicklung von der Gemeinde nicht erwünscht gewesen sei. «Die Grundstücke, auf welchen die Grossverteiler entstanden sind, gehören nicht der Gemeinde. Daher ist die Möglichkeit zur Einflussnahme beschränkt ». Mit dem Gestaltungsplan «Rietwis Ost» hätten der Gemeinderat und die Bevölkerung etwas gegen den Auftritt weiterer Grossverteiler unternommen – auch, um das lokale Kleingewerbe zu schützen.

Kein Groll

Heinz Alder betont, dass er keinen Groll hege. «Das Ende der Metzgerei geht aber der ganzen Familie nahe». Als er vor kurzem mit seiner 18-jährigen Tochter in der Küche der Metzgerei sass, habe diese ihn gefragt: «Stimmts Papi, das gibt es bald alles nicht mehr?» – das sei ein sehr emotionaler Moment gewesen.

Immerhin brauche sich niemand Sorgen um seine Zukunft zu machen: Seine bis heute in der Metzgerei arbeitende Mutter könne mit 73 Jahren endlich in den verdienten Ruhestand treten. Eine zu 80 Prozent beschäftigte Angestellte habe bereits eine neue Stelle gefunden. Und er selbst werde als Angestellter «schon bei irgendeiner Metzgerei unterkommen.»