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Zwei Varianten, viel Diskussionsbedarf

ZO/AvU, Benjamin Rothschild 17.09.2014

Am 28. September stimmt Egg darüber ab, wie der Verkehr in Zukunft durch das Dorf fliessen soll. Gemeindepräsident Rolf Rothenhofer und Katharina Kunz von der IG OD Egg vertreten in dieser Frage entgegengesetzte Positionen.

In elf Tagen entscheidet die Egger Bevölkerung über die zukünftige Verkehrsführung in der Pfannenstielgemeinde. Zur Auswahl steht zum einen die vom Gemeinderat bevorzugte Variante «Ortskernumfahrung oberirdisch», im Volksmund besser als «Spange» bekannt. Sie sieht vor, einen grossen Teil des Durchgangsverkehrs von der Forchstrasse über einen neu zu bauenden Strassenabschnitt durchs Oberdorf – ein Wohnquartier – umzuleiten. Die Interessengemeinschaft Ortsdurchfahrt Egg (IG OD Egg) kämpft an vorderster Front gegen dieses Vorhaben. Sie setzt sich für die Variante «Verkehr durch das Zentrum» ein. Laut ihr soll der Verkehr wie bis anhin über die Forchstrasse abgewickelt werden, wobei diese verbreitert werden soll.

Im Gespräch begründen Gemeindepräsident Rolf Rothenhofer (parteilos) und IG-Vertreterin Katharina Kunz ihre jeweiligen Standpunkte und lassen erahnen, weshalb die Verkehrsfrage das Dorf seit Jahrzehnten spaltet.

Herr Rothenhofer, gegen die von Ihnen bevorzugte «Ortskernumfahrung oberirdisch» gibt es massiven Widerstand. Es drohen Enteignungen und jahrelange Rechtsstreitigkeiten. Weshalb hält der Gemeinderat dennoch an dieser Variante fest?

Rolf Rothenhofer: Es ist ja nicht so, dass diese Variante neu wäre. Die Baulinien für dieses Projekt bestehen seit 1978. Es war im Oberdorf einst eine 450 Meter lange Strasse geplant (die Neue Meilenerstrasse, Anm. d. Red.), davon sind 300 Meter schon gebaut. Wir wollen nun die restlichen 150 Meter fertigstellen. Der Gemeinderat erachtet diese Variante im Sinne einer Gesamtbetrachtung als die beste. Die Sicherheit für Fussgänger und Velofahrer auf der Forchstrasse würde erhöht, das Dorfzentrum aufgewertet.

Katharina Kunz: Der bereits gebaute Teil wurde in einer anderen Zeit und aus völlig anderen Überlegungen fertiggestellt. Heute wohnen im Oberdorf viel mehr Leute. Hinzu kommt, dass die Neue Meilenerstrasse nicht nur verlängert, sondern auch verbreitert werden soll. Für die Kinder, die ins Schulhaus Bützi gehen, ist eine Unterführung geplant – jedoch wird diese von den Schülern aus Gewohnheit nicht genutzt werden, da der Schulweg heute ein anderer ist.

Rothenhofer: Jetzt blickst du in die Kristallkugel, man kann doch zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, ob die Unterführung von den Schülern dereinst benutzt wird oder nicht. Ich behaupte: Wenn es einen sicheren Weg von A nach B gibt, dann werden die Schüler über kurz oder lang auch dort durchgehen. Hinzu kommt, dass es nicht nur im Oberdorf ein Schulhaus gibt. Die Schüler der Schulanlagen Zentrum und Bützi werden von einer verkehrsberuhigten Forchstrasse profitieren.

Ist denn die Sicherheitslage an der Forchstrasse so prekär, dass dringend Handlungsbedarf besteht?

Rothenhofer: Nein. Handlungsbedarf besteht vor allem, weil die Forchbahnübergänge saniert werden müssen. Es müssten zwei Übergänge geschlossen werden, und deshalb überlegten wir uns, ob es Alternativen zur heutigen Verkehrsführung gibt. Da es auch das Baugebiet im Oberdorf zu erschliessen gilt, kamen uns wieder die Baulinien von 1978 in den Sinn ...

Kunz: Aber auch auf einer verkehrsberuhigten Forchstrasse werden weiterhin 5000 Autos pro Tag durchfahren! Das hat eine Berechnung des Kantons ergeben. Es ist nicht so, dass die Forchstrasse, wie vom Gemeinderat suggeriert, zu einem grünen, völlig sicheren Streifen wird.

Rothenhofer: Klar, die totale Sicherheit gibt es nicht, aber die Forchstrasse würde zumindest sicherer als heute. Und wie erwähnt hat die vom Bund vorgeschriebene Sanierung der Forchbahnübergänge die Gemeinde zum Handeln gezwungen. Und übers Ganze betrachtet ist für uns die Ortskernumfahrung die beste Lösung.

Kunz: Eine Sicherung der Forchbahnübergänge ist so oder so möglich, dafür braucht es die neue Strasse im Oberdorf nicht. Stimmt die Egger Bevölkerung weder der Variante «Zentrum» noch der Variante «Ortskernumfahrung oberidisch» zu, wäre das Resultat die sogenannte Nullvariante – auch dieses Szenario wäre möglich.

Rothenhofer: Dann würde die Sicherheitslage klar schlechter. In diesem Fall würden die Forchbahnübergänge geschlossen, ohne dass wir auf der anderen Seite die Forchbahngleise verschieben und Platz für Mittelinseln schaffen könnten.

Auch die Variante «Zentrum» sieht aber eine Verbreiterung der Forchstrasse und die Schaffung von Fussgängerinseln vor – ohne dass es auf der anderen Seite eine neue Strasse im Oberdorf gäbe …

Rothenhofer: Aber nur die Variante «Ortskernumfahrung oberirdisch» erlaubt es uns, die Forchstrasse verkehrsberuhigt zu gestalten, da sie nur dann zur Gemeindestrasse abklassiert würde.

Kunz: Das kann man auch andersrum betrachten! Nur wenn die Variante «Zentrum» angenommen würde, könnte die Neue Meilenerstrasse im Oberdorf verkehrsberuhigt werden – und im Oberdorf wohnen mehr Menschen.

Rothenhofer: Und unten, entlang der Forchstrasse, haben wir mehr Schüler. Da kann man sich jetzt fragen, wie man die Prioritäten setzt. Ich halte aber nichts von solchen Zahlenspielen. Der Gemeinderat hat wie gesagt eine Gesamtschau vorgenommen und zuungunsten des Oberdorfs entschieden – das gebe ich offen zu.

Kunz: Bei der Variante «Ortskernumfahrung oberirdisch» würde man sechsmal mehr Land brauchen. Es wären von dieser Variante doppelt so viele Wohneinheiten betroffen wie von der Variante «Zentrum». Das Oberdorf hätte dreimal so viel Verkehr wie heute. Da frage ich mich schon, was der Gemeinderat auf der anderen Seite in die Waagschale wirft.

Rothenhofer: Wie erwähnt geht es um die erhöhte Sicherheit für Fussgänger und Velofahrer und die Zentrumsentwicklung. Unsere Güterabwägung fällt einfach anders aus.

Kunz: Nein, ich denke, wir haben unterschiedliche Güter. Meine Güter sind Menschen, Land, Steuergelder … Rothenhofer: ... das sind meine auch ...

Kunz: Nein, dein höchstes Gut ist eine fiktive Ortsentwicklung. Und aus einem mir unbekannten Grund ist für dich auch die Forchstrasse als solche ein hohes Gut.

Rothenhofer: Es geht mir um den Dorfkern, um den öffentlichen Bereich. Und dieser führt nun mal der Forchbahnlinie entlang. Es mag sein, dass im Oberdorf mehr Leute wohnen, aber entlang der Forchbahnlinie bewegen sich mehr Menschen.

Kunz: Aber auch nur, wenn gerade die Forchbahn kommt, und selbst dann ist die Forchbahnstation nur während der Rushhour stark frequentiert. Ausserdem gehört das Oberdorf für mich ebenfalls zum Ortskern.

Frau Kunz, wie im Oberdorf gibt es auch im Unterdorf Leute, die Bedenken haben. Sie setzen sich aus verschiedenen Überlegungen für die Ortskernumfahrung ein. Beziehen Sie diese Leute ebenfalls in Ihre Gesamtschau mit ein?

Kunz: Selbstverständlich. Aber unten liegt eine Zentrumszone, der Gemeinderat wollte den Verkehr dort kanalisieren. Er wollte, dass man entlang der Forchstrasse nicht im Parterre wohnt. Das ist der Unterschied zum Oberdorf, das in erster Linie ein Wohnquartier ist.

Einige Unterdörfler fürchten, dass das Dorf in zwei Teile zerschnitten würde, wenn man an der Forchbahnlinie zwei Übergänge aufheben würde.

Kunz: Fakt ist, dass in dieser Gemeinde Menschen wohnen – und diese können sich begegnen, wann sie wollen. Eine Trennwirkung hat viel mehr mit verschieden Arbeits- und Aufenthaltsorten zu tun. Ich glaube vielmehr, dass bei der Variante «Ortskernumfahrung oberirdisch» das Dorf ein zweites Mal getrennt würde. Die Neue Meilenerstrasse wird dann ja verlängert und verbreitert – das gibt einen neuen Verkehrskorridor durchs Dorf.

Rothenhofer: Aber unten würde die Trennwirkung dann aufgehoben.

Kunz: Die Forchbahnlinie wird es weiterhin geben ...

Rothenhofer: Diese empfinden viele Leute nicht als Trennung. Die Forchbahn gehört zu uns, noch heute ist man im Dorf stolz auf sie.

Was ist mit dem Dorfmarkt, der mehrmals auf dem Märtplatz stattfindet? Es gibt Stimmen, die dessen Ende voraussagen, falls die Ortskernumfahrung nicht kommt. Anwohner könnten dann aufgrund der Schliessung der Forchbahnübergänge nicht mehr über die Forchstrasse wegfahren. Es müsste womöglich eine Fahrgasse auf dem Märtplatz offen bleiben, da dieser nur noch rückwärtig erschlossen wäre …

Kunz: Dass es jetzt im Dorf zu solchen Diskussionen kommt, bedauere ich zutiefst. Das hat mit Sachlichkeit nichts zu tun. Es hat bis heute noch niemand bestätigt, dass der Dorfmarkt tatsächlich nicht mehr stattfinden könnte, wenn sich die Zentrumsvariante durchsetzt. Ich habe mit den Hausbesitzern beim Märtplatz gesprochen, für sie gibt es kein Problem.

Rothenhofer: Für die derzeitigen Hausbesitzer mag es kein Problem geben, aber künftige Anwohner könnten auf ihrem Durchfahrtsrecht auch während der Marktzeiten beharren. Solange es keinen Grundbucheintrag mit einer entsprechenden Dienstbarkeit gibt, bleibt die Rechtslage unsicher.

Kunz: Das bleibt sie erst recht, wenn die Ortskernumfahrung angenommen wird. Denn die neue Strasse im Oberdorf würde ja nicht sofort gebaut, es gäbe viele Unsicherheiten, Einsprachen usw. Es gäbe womöglich eine längere Übergangsfrist, während der die Probleme bei der Forchstrasse genau jene wären, die der Gemeinderat jetzt an die Wand malt.

Rothenhofer: Ob es eine Verzögerung gibt oder nicht, läge einzig und allein in euren Händen! Es läge dann ein demokratischer Entscheid vor, den man respektieren könnte.

Kunz: Das hat mit Demokratie überhaupt nichts zu tun, da ginge es um formelle Verfahren zwischen den betroffenen Grundeigentümern und dem Kanton.

Herr Rothenhofer, der Ustermer Bezirksrat hat die Pressemitteilung des Gemeinderats vom 10. Juli in Teilen gerügt. Auch sonst werden immer wieder Stimmen laut, die der Egger Exekutive in der Verkehrsfrage ungenügende Kommunikation vorwerfen.

Rothenhofer: Der Bezirksrat hat uns in den meisten Fragen recht gegeben. Was die Kommunikation betrifft, so könnte man einige Sachen sicher noch optimieren. Im Grossen und Ganzen haben wir aber gute Arbeit geleistet: Es gab von Anfang an eine Begleitgruppe zur Verkehrsführung, wir hatten Broschüren und eine breite Diskussion in der reformierten Kirche mit rund 450 Teilnehmern.

Kunz: Ich sehe das anders. Wenn ich mich im Dorf umhöre, merke ich, wie schlecht viele Leute informiert sind. Es kursieren die wildesten Geschichten, zum Beispiel, dass bei der Zentrumsvariante das Restaurant Hirschen abgerissen werden müsste. Der Gemeinderat hätte solchen Gerüchten besser entgegenwirken müssen. Auch das Abstimmungsbüchlein ist unvollständig. Vorund Nachteile der jeweiligen Varianten werden ungleich stark gewichtet.

Rothenhofer: Du kannst uns doch nicht die Schuld an jedem Gerücht geben, das im Dorf kursiert! Ich höre übrigens viel Lob für das Abstimmungsbüchlein. Schliesslich findet man dieses je nach Lagerzugehörigkeit gut oder schlecht. Wir sollten aber froh sein, dass uns der Kanton überhaupt die Möglichkeit gibt, abzustimmen. Mir ist sehr wichtig, dass die Egger diese Chance auch nutzen. Sich nicht für eine Variante zu entscheiden, würde nämlich heissen, das Thema wieder für Jahre hinauszuschieben und es den kommenden Generation aufzubürden.

Interview: Benjamin Rothschild