> Zurück

«Wichtiges Bauwerk» oder «Schandfleck»?

ZO/AvU, Benjamin Rothschild 29.01.2015

Seit Jahren setzt sich Gärtnereibesitzer Kurt Fawer für den Erhalt der ehemaligen Psychiatrischen Klinik Ober Halden ein. Nun soll sie den Plänen der Gemeinde entsprechend abgerissen werden.

Die Liegenschaften Ober Halden 10, 11 und 12 sind für Kurt Fawer eine Herzensangelegenheit: «Es handelt sich um wichtige sozialgeschichtliche Bauwerke», sagt der 81-Jährige, dem die Gärtnerei auf der gegenüberliegenden Strassenseite gehört.

Tatsächlich hat der Häuserkomplex eine bewegte Geschichte hinter sich: Einst diente er als Pflegeheim und später, bis Anfang der 1990er Jahre, als Aussenstation der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli. Zur Zeit der offenen Drogenszene wurde in den Gebäuden eine geschlossene Anstalt für den fürsorgerischen Freiheitsentzug betrieben. Danach standen die Liegenschaften leer – bis auf die Kellerräumlichkeiten, in welchen Kurt Fawer seine Pflanzen lagerte.

Fawer wollte die Räumlichkeiten einst gewerblich nutzen. Dies aber wurde ihm vom Kanton untersagt, der die baufälligen Häuser aus Sicherheitsgründen abreissen wollte. Als der Egger Gemeinderat die Liegenschaften 2012 aus dem Inventar schutzwürdiger Bauten entliess und Fawer die Rekursfrist verpasste, schien der Abbruch beschlossene Sache. Doch Fawer gelang es, einen runden Tisch einzuberufen, an welchem auch der kantonale Baudirektor Markus Kägi (SVP) teilnahm.

Nach einer Sitzung vom 20. August 2013 sprachen Kantonsvertreter plötzlich von einer «völlig neuen Ausgangslage». Ein Weiterbestand der Gebäude schien doch wieder möglich. Dann nämlich, wenn Fawer innert Frist eine «glaubhafte, verbindliche Absichtserklärung» für eine «soziale Nutzung» der alten Klinikgebäude vorweisen könne. Fawer tauschte sich in der Folge mit den Sozialwerken Pfarrer Sieber aus. Diese betreiben in der Ober Halden Nummer 5 den Sune-Egge – ein Fachspital mit zwölf Patientenbetten. Die Sozialwerke tätigten Abklärungen, entschieden sich aber gegen eine Nutzung des Geländes. Die vom Kanton verlangte Absichtserklärung konnte Fawer nicht beibringen.

Gemeinsamer Plan

Dennoch deutete lange Zeit alles darauf hin, dass die Entwicklung im Sinne Fawers verläuft: Vertreter der kantonalen Baudirektion meinten in einem Schreiben an die Gemeinde Egg vom 11. Februar 2014, dass es «sehr zu begrüssen » wäre, wenn das Liegenschaften- Ensemble erhalten bleiben und zum Beispiel als Alters- und Pflegeheim in Betrieb genommen werden könnte.

Dass Kurt Fawer die Absichtserklärung nicht innert Frist vorwies und keine konkreten Pläne zur Nutzung der Gebäude vorlegte, schien die Verantwortlichen nicht zu stören: «Der Kanton hat gegenüber Herrn Fawer signalisiert, ihm für seine Abklärungen [...] die notwendige Zeit einzuräumen», hiess es im Schreiben weiter. Fawer und der Kanton legten einen Terminplan fest: Fawer sollte das Grundstück im Baurecht mit Laufzeit bis 2045 übernehmen. Bis zum 1. Juli 2015 müsse dieses im Grundbuch eingetragen werden.

«Furcht vor Sozialtourismus»

Schon damals war allerdings klar, dass als Damoklesschwert über der Abmachung ein mögliches Veto der Gemeinde Egg schwebte: Diese hat als Standortgemeinde nämlich ein Vorkaufsrecht an der Liegenschaft Ober Halden. Noch im Juli 2014 schien indes zweifelhaft, ob die Gemeinde von dieser Möglichkeit Gebrauch machen will: «Die Gemeinde hat uns mitgeteilt, dass sie nicht in der Lage sei, die Abbruchkosten in Höhe von 495 000 Franken zu übernehmen », schrieb Giorgio Engeli, der Abteilungsleiter der kantonalen Baudirektion, damals in einer E-Mail an Kurt Fawer.

Im November jedoch erhielt der Gärtner ein Telefonat und anschliessend ein Schreiben von Thomas Maurer, dem Amtschef des kantonalen Immobilienamts: «Baudirektor Markus Kägi hat entschieden, dass das Land Ober Halden 10 bis 12 der Gemeinde Egg verkauft wird», hiess es.

Die plötzliche Wende kann sich Kurt Fawer nur schwer erklären: «Wahrscheinlich signalisierte der Kanton der Gemeinde doch noch ein Entgegenkommen hinsichtlich der Abbruchkosten», vermutet er. Was das Interesse der Gemeinde am Kauf des Grundstücks betrifft, so glaubt Fawer, dass diese Vorbehalte gegenüber einer sozialen Institution am Standort Ober Halden hat: «Man fürchtet Sozialtourismus », sagt er.

Ein Politikum

Tobias Zerobin, der Gemeindeschreiber von Egg, bestätigt, dass die Gemeinde Interesse an einem Kauf des Grundstücks habe. Die Liegenschaften sollen abgebrochen werden: «Sie sind ein Schandfleck in unserer Gemeinde», sagt er. Die Gebäude seien verlottert und böten ein unschönes Bild – und dies gleich bei der Einfahrt nach Egg von Uster her. Zerobin kann sich nicht vorstellen, dass die Häuser noch genutzt werden können – sei es für eine soziale oder eine anderweitige Nutzung. Was die Übernahme der Abbruchkosten betreffe, so stehe man in Verhandlungen mit dem Kanton.

Das allerletzte Wort scheint indes noch nicht gesprochen: Denn auch mit Kurt Fawer wollen sich die Egger Gemeindevertreter treffen: Auf den 2. Februar ist ein Treffen im Gemeindehaus geplant, wie aus einer E-Mail von Tobias Zerobin an Fawer hervorgeht, die dem ZO/AvU vorliegt.

Mittlerweile hat sich auch die Lokalpolitik des Themas «Ober Halden» angenommen: Sergio Oesch, der Präsident der Ortspartei Pro Egg, hat Fawer an die Generalversammlung vom kommenden Samstag eingeladen. «Ich erachte seine Absichten als legitim und kann nicht verstehen, weshalb die Gemeinde die Gebäude einfach abreissen will», sagt er. Oesch will Fawer anbieten, dass ihn ein Vorstandsmitglied von Pro Egg an die Sitzung vom 2. Februar begleitet.