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Unterdörfler fürchten um Identität

ZO/AvU, Lea Müller 11.11.2015

Ein Übergang der Forchbahn im Egger Zentrum wurde ganz, einer für den motorisierten Verkehr gesperrt. Die Anwohner des Egger Unterdorfs fühlen sich abgeschottet, sogar der Chlausmärt zieht weg – aber aus anderen Gründen.

Schlecht. So bezeichnet Albert Weber die Stimmung im Egger Unterdorf. Seit über 40 Jahren setzt sich Weber für den historischen Ortsteil ein. Er kaufte das Gebäude der heutigen Bibliothek und bewahrte es vor dem Abbruch – in einem Jahr soll es fertig restauriert sein. Auch für das Erscheinungsbild und die Verkehrsberuhigung des Märtplatzes ist er zu einem grossen Teil mitverantwortlich. Von verkehrsberuhigt zu fast ausgestorben kann es jedoch schnell gehen.

Ein Kilometer Umweg

Im vergangenen Herbst befand das Egger Stimmvolk über die zukünftige Verkehrsführung. Weder die Variante «Ortskernumfahrung oberirdisch» noch die Variante «Verkehr durch das Zentrum» wurde angenommen, so trieb die Forchbahn die vom Bund vorgeschriebene Sanierung der Bahnübergänge voran. Im Zuge der Arbeiten wurden auch Übergänge aufgehoben beziehungsweise für den motorisierten Verkehr gesperrt. Betroffen ist unter anderem der Übergang bei der Dorfstrasse, der das Egger Unter- mit dem Oberdorf verband. «Nun muss man mit dem Auto einen Umweg von rund einem Kilometer in Kauf nehmen, um zum Märtplatz zu gelangen », sagt Weber. Verstärkt wird die Trennung durch einen neuen Zaun entlang des Forchbahntrassees. «Das Dorf ist zweigeteilt», meint der Dachdecker empört.

Albert Weber gründete zusammen mit Patrik Thalparpan und weiteren Bewohnern des Unterdorfs die «Gruppe für ein attraktives Egg». Sie unterstützten im Herbst 2014 die Variante «Oberirdisch», auch «Spange» genannt. Diese hätte den Verkehr weg vom Zentrum ins Oberdorf leiten und dafür die Forchstrasse beruhigen sollen.

Mehr Schleichverkehr

Wie Gemeindeschreiber Tobias Zerobin vor zwei Wochen gegenüber dem ZO/AvU erwähnte, erleben auch Weber und Thalparpan, dass viele Egger überrascht über die Schliessung des Forchbahnübergangs waren. «Für viele war dies ein Augenöffner. Nullvariante heisst eben nicht, dass nichts passiert», sagt Thalparpan. «Nun ist der wichtigste Zugang zum Unterdorf geschlossen. » Seither sei der Märtplatz verlassener, der Schleichverkehr in den angrenzenden Quartieren habe aber zugenommen. «Hoffentlich wird es ruhiger, wenn die Autofahrer sich an die neue Situation gewöhnt haben.»

Zwar seien die Forchbahnübergänge jetzt laut Thalparpan und Weber sicherer, die Fussgängerstreifen hingegen gefährlicher geworden. «Die Strasse ist nach wie vor zu schmal für dringend benötigte Mittelinseln», sagt Thalparpan. «Auch werden die Passanten nun auf weniger Fussgängerstreifen kanalisiert.» Ein Radweg gebe es zudem keinen, die Velofahrer müssen auf das Trottoir ausweichen.

Neue Auflagen

Auswirkungen hat die Schliessung des Bahnübergangs bei der Dorfstrasse für den Verkehr auch auf die Egger Märkte, die jeweils auf dem Märtplatz stattfinden. «Am Herbstmarkt waren wir zum ersten Mal mit der neuen Situation konfrontiert», sagt Sibylle Oesch-Glauser, Präsidentin der Egger Märtkommission. «Von der Feuerwehr erhielten wir Auflagen, die Marktstände weiter entfernt voneinander aufzustellen, damit bei einem Brand die Zufahrt von der Umfahrung her möglich ist.» Die Marktfahrer seien zufrieden mit der neuen Situation und der Anordnung mit mehr Luft zum Verweilen. «Dadurch kann man den Märtplatz auch besser bewundern.» Die kleinen Märkte zukünftig an einem anderen Platz zu veranstalten, etwa auf dem neuen Chilbiplatz, komme nicht in Frage.

Anders sieht es beim grösseren Chlausmärt aus. Dieser wird am 6. Dezember nicht mehr auf dem Märtplatz stattfinden. «Dieser Entscheid hat aber wenig mit der Forchbahnsituation zu tun», sagt Oesch-Glauser. «Der Wunsch stammte aus dem Gewerbeverein.» Vorher befand sich bereits ein Teil des Chlausmärts auf dem Dorfplatz. Dieser werde jetzt auf der Pfannenstielstrasse und bis zur Forchbahnstation hin erweitert. «Somit sind die Marktstände und die Geschäfte, die an diesem Tag geöffnet haben, besser verbunden. » Für Oesch-Glauser, die selber in Hinteregg wohnt, bedeutet der Umzug keine Einschränkung, sondern eine Chance. Sollte sich herausstellen, dass das neue Konzept für den Chlausmärt sich nicht bewähre, müsse man noch einmal über die Bücher. «Bisher waren die Rückmeldungen aber mehrheitlich positiv.»

Albert Weber und Patrik Thalparpan sehen dies anders. «Durch den Wegzug des Chlausmärts geht ein weiteres Stück Identität des Unterdorfs verloren.»


 

UMSTRITTENE BAULINIEN

Konsequenz oder Falschinterpretation?

Den Entscheid der Abstimmung vom letzten Herbst, keine der beiden Varianten umzusetzen, müsse man akzeptieren, sagt Patrik Thalparpan. «Die geplante Strasse im Oberdorf aus dem kantonalen Richtplan zu streichen, ist aber eine völlige Falschinterpretation. » Seit über vierzig Jahren ist die Ortskernumfahrung, die hätte ausgebaut werden können, im Richtplan eingetragen. «Bei der Stichfrage, welche Variante umgesetzt würde, wenn beide angenommen werden sollten, sprachen sich die Egger für eine Ortskernumfahrung aus», sagt Thalparpan. «Damit haben sie zum Ausdruck gebracht, dass sie keine Durchtrennung des Dorfzentrums wollen.»

Für eine Streichung setzt sich hingegen die Interessengemeinschaft Ortsdurchfahrt Egg ein. Ihrer Meinung nach wäre dies die logische Konsequenz der Ablehnung der «Spange» (wir berichteten). Im Gemeindehaus wartet man einen Entscheid des Kantons Zürich ab. Das kantonale Amt für Verkehr arbeitet zurzeit an einer Studie zur Verbesserung der Sicherheit der Forchstrasse.

Für Thalparpan und Albert Weber ist klar: Die Baulinien sollen im kantonalen Richtplan erhalten bleiben. «Es ist gut möglich, dass zu einem späteren Zeitpunkt die vom Gemeinderat verworfenen Varianten ‹Ortskernumfahrung überdacht› oder ‹grosser Kreisel› noch einmal ins Spiel kommen», sagt Thalparpan. «Wenn der Leidensdruck wegen des Verkehrs im Zentrum zu gross wird.» Zudem sei von der Forchbahn anlässlich einer Informationsveranstaltung zugesichert worden: Sollte die Forchstrasse einmal verkehrsberuhigt sein, würden die Bahnübergänge bei der Kirche und beim Märtplatz wieder geöffnet. «Und wir hätten wieder ein attraktives Dorfzentrum.»