> Zurück

Unabhängig und unberechenbar?

ZO/AvU, Lea Chiapolini 05.04.2018

In der Gemeinde Egg stellen FDP und die SVP die meisten Kandidaten für die Wahlen. Dass es auch ganz ohne Partei im Rücken geht, will nun ein Zusammenschluss aus vier parteilosen Kandidaten zeigen. Doch diese kommen nicht bei allen gleich gut an.

«Die Wähler verwechseln leider parteilos mit unparteiisch» oder «ich werde keine Katze im Sack kaufen» – über Kandidaten, die ohne Partei im Rücken an den Wahlen antreten, sind die Meinungen der Bevölkerung geteilt. So liest man es in letzter Zeit in diversen Leserbriefen. Während das eine Lager überzeugt ist, nur unabhängig von Parteiparolen könne gezielt Sachpolitik betrieben werden, hat das andere Angst vor «bösen Überraschungen».

Für Christoph Domeisen, der in Egg gemeinsam mit Schulpräsidentin Beatrice Gallin und den beiden Schulpflegern Philipp Märki und Urs Rehhorn den Zusammenschluss «Vier für Egg» gebildet hat, sind beide Denkweisen nicht ganz richtig. «Man kann nicht einfach zwischen Parteisoldaten und farblosen Gestalten unterscheiden», sagt Domeisen, der sich momentan als Schulpfleger engagiert und neu für den Gemeinderat kandidiert. «Tatsächlich ist es doch so, dass auch innerhalb der Parteien die Meinungen auseinander gehen – wer das Gefühl hat, einen Kandidaten genau zu kennen, nur weil er einer Partei angehört, irrt auch.» Zudem gehöre nur ein kleiner Teil der Bevölkerung einer Partei an, könne sich also ebenfalls nicht genau zuordnen.

Wissensabfluss verhindern

Sowohl Beatrice Gallin als auch Philipp Märki waren bis im letzten Sommer noch Mitglieder der FDP. Während Gallin ihren Entscheid damit begründete, nicht mehr genug Ressourcen für eine aktive Beteiligung in der Partei zu haben, konnte sich Märki nicht mehr mit der kantonalen oder nationalen Politik der FDP identifizieren (wir berichteten). Urs Rehhorn war bis Mitte 2015 noch Mitglied der SVP, konnte sich dann aber mit der Ausrichtung der Partei und der öffentlichen Tonalität nicht mehr anfreunden. Christoph Domeisen kann nachvollziehen, dass es kritische Stimmen gegenüber parteilosen Kandidaten gibt. «Wir werden darum auch oft angesprochen. Egg ist noch genug klein, dass Personen und nicht einfach Parteivertreter gewählt werden. Und mit zusammen 30 Jahren Behördenerfahrung kennt man uns und weiss, wofür wir stehen.»

  • «Nicht einfach zwischen Parteisoldaten und farblosen Gestalten unterscheiden.»
    Christoph Domeisen, «Vier für Egg»

Der Zusammenschluss «Vier für Egg» sei keine Partei, sondern gezielt auf die Nutzung von Synergien im Vorfeld der Wahlen ausgerichtet. «Seit eineinhalb Legislaturen arbeiten wir gemeinsam in der Schulpflege», sagt Christoph Domeisen. «Zwar haben wir zu gewissen Themen unterschiedliche Meinungen, ticken aber meistens ähnlich.» Bei den Erneuerungswahlen 2010 seien nur zwei Bisherige im Gremium verblieben. «Diesen Wissensabfluss wieder aufzuholen war ein grosses Stück Arbeit. Mit dem Zusammenschluss wollen wir verhindern, dass dies noch einmal passiert.»

Palette an Sachthemen

Eine ursprünglich parteilose Bewegung ist auch die Ortspartei «proEGG», die 2012 gegründet wurde. «Wir hatten uns zuerst als Verein organisiert, mussten aber schnell feststellen, dass wir uns dadurch weniger gut einbringen konnten», sagt Präsident Sergio Oesch. «Gewisse Informationen erhalten nur offizielle Parteien, darum haben wir uns auch als solche von der Gemeinde auflisten lassen.» Mit Corinne Huber zog 2014 die erste Vertreterin der jungen Partei in den Gemeinderat ein. «Wir definieren uns vor allem über eine bestimmte Palette an Sachthemen, weniger durch eine strikte Verortung im politischen Spektrum. Allerdings werden auch wir kategorisiert», sagt Oesch. «Uns wird der Stempel grünliberal aufgedrückt. Tatsächlich aber greift das zu kurz. Wir sind einfach eine Lokalpartei mit klaren Zielen und Definitionen, wie es sie in der Region an vielen Orten gibt.» Den Vorwurf von diversen Leserbriefschreibern, als Parteiloser habe man zu wenig Möglichkeiten, politische Geschäfte genügend im Team auszudiskutieren, unterstützt er. «Als Parteiloser ist man auf sich alleine gestellt.»

  • «Uns wird der Stempel grünliberal aufgedrückt.»
    Sergio Oesch, Präsident proEGG

Gemeindepräsident Rolf Rothenhofer führt das Amt seit 16 Jahren ohne Partei im Rücken aus und hat eine solche auch nie vermisst. «Es braucht nicht gezielt Parteikollegen, um sich über Themen auszutauschen», sagt er. «Im Gegenteil, so kann ich mich auch guten Ideen – ob linken oder rechten – widmen und diese unterstützen.» Der einzige Nachteil als Parteiloser sieht er bei Ambitionen für ein Engagement als Kantons- oder Nationalrat. Da habe man ohne Parteizugehörigkeit praktisch keine Chance.

Erfolg durch Bekanntheit

In Sachen Wahlkampf sei man aber auf sich alleine gestellt. «Durch mein Engagement im Turnverein oder aus meiner Zeit als Zivilschutzortschef habe ich natürlich viele Bekanntschaften geknüpft», sagt Rothenhofer. Es liege in der Verantwortung jedes einzelnen, sich in der Gemeinde bekannt zu machen und dadurch seine Wahlchancen zu stärken.

  • «Wer mir vorwirft, man wisse nicht, was man von mir halten soll, hat nicht aufgepasst.»
    Rolf Rothenhofer, Gemeindepräsident

Seine ersten politischen Schritte machte aber auch er in einer Gruppierung – den «Aktiven Eggern», die mittlerweile nicht mehr aktiv ist. «Als zu strenge Leitplanken gelegt wurden, trat ich aus.» Den Vorwurf, man könne die politische Einstellung von Parteilosen nicht abschätzen, lässt er aber nicht gelten. «Auch ohne Partei kann man eher links oder rechts politisieren», sagt er. «Ich habe immer kommuniziert, dass ich im bürgerlichen Feld zwischen SVP, FDP und CVP einzuordnen bin – wer mir dann vorwirft, man wisse nicht, was man von mir halten soll, hat nicht aufgepasst.»