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«Sie kennt die Denkweise des Dorfs»

ZO/AvU, Jennifer Furer 24.04.2018

Der 69-jährige Peter Vonmoos gibt nach 33 Jahren seine Hausarztpraxis in Egg ab. Eine Nachfolge zu finden, sei keineswegs leicht gewesen, sagt er. Bis die 36-jährige Maria Goridis-Misteli ihm aus den Ferien eine E-Mail schrieb.

In Zeiten, in denen Gruppenund Spezialistenpraxen aus dem Boden spriessen wie Pilze im Wald, sind Hausärzte ein rares Gut. Eine Rundum-Verpflichtung gegenüber Patienten, lange Arbeitszeiten und ein erhöhter administrativer Aufwand sind nur einige der Faktoren, die dazu beitragen, dass sich viele Mediziner gegen eine eigene Praxis und somit gegen die Selbständigkeit entscheiden. Umso schwieriger ist es für Hausärzte, welche vor der Pensionierung stehen, eine Nachfolge für die eigene Praxis zu finden. Auch der 69-jährige Peter Vonmoos stand vor dieser Herkulesaufgabe – vier Jahre lang suchte er eine Nachfolge für seine Hausarztpraxis in Egg. Aber einfach aufgeben wollte er sie nicht. «Nach über 30 Jahren fühle ich mich gegenüber meinen teils langjährigen Patienten verpflichtet », sagt Vonmoos.

Obwohl sich einige Interessierte auf Inserate, die Vonmoos aufgegeben hatte, meldeten, war der oder die Richtige nicht dabei. «Meistens waren es Bewerber, die keine genügende Ausbildung hatten. Ich dachte mir: Lieber niemanden als jemand Schlechtes », sagt der Hausarzt. Kurz bevor er einen neuen Anlauf wagen und erneut ein Inserat aufgeben wollte, trudelte aber eine E-Mail von Maria Goridis-Misteli in seinen Posteingang. «Ich wusste sofort, dass ich ihr meine Praxis anvertrauen will und kann.»

Zusage aus den Ferien

Die beiden Mediziner kennen sich von Fortbildungen im Spital Zollikerberg. Dort war Maria Goridis-Misteli als Fachärztin Allgemeine Innere Medizin bis vor Kurzem als Oberärztin tätig. Nun verlässt sie ihre frühere Wirkungsstätte und macht sich mit der Hausarztpraxis selbständig. «Ich wollte schon immer Hausärztin werden», sagt Goridis-Misteli. «Mich fasziniert nicht nur der medizinische Bereich, sondern auch alles rundherum. Man begleitet Patienten über viele Jahre hinweg, lernt das familiäre Umfeld kennen und kann so individuell auf jeden Einzelnen eingehen.»

Trotz reiflicher Überlegung sei ihr jedoch schnell klar gewesen, dass die Übernahme der Hausarztpraxis eine einmalige Chance sei. «Als ich mit meinem Mann in den USA in den Ferien war und mir Gedanken zu meiner beruflichen Zukunft machte, ist mir plötzlich klar geworden, dass die Praxis von Peter Vonmoos in Egg genau das Richtige für mich ist.» Noch aus den Ferien habe sie ihn deshalb kontaktiert und seither nie an dieser Entscheidung gezweifelt.

Familiärer Bezug zu Egg

Ohne zu zögern, hat Peter Vonmoos Maria Goridis-Misteli als seine Nachfolgerin bestimmt. «Es gab viele Gründe, die für sie sprachen. Unter anderem hat sie eine gute Ausbildung und einen Bezug zu Egg. Sie kennt die Denkweise des Dorfs», sagt Vonmoos. Dies sei insofern wichtig, weil ein Arzt den Eigenheiten eines Orts gerecht werden müsse. «Wir haben Patienten von Arbeitern, Bauern bis hin zu Politikern und zu Leuten des High Life. Dem muss Rechnung getragen werden», sagt Vonmoos.

Goridis-Misteli, die auf der Forch wohnt, hat einen familiären Bezug zur Region. Ihre Mutter wohnt nur wenige hundert Meter von der Praxis entfernt. «Auch meine Schwester hat bis vor Kurzem in Egg gewohnt. Ich besuche das Dorf also mehrmals die Woche», sagt die 36-Jährige. Sie sei zudem in der Region gut vernetzt, da sie am Spital Zollikerberg tätig gewesen sei. «Ich weiss, wo ich mich hinwenden muss, wenn ich eine Frage habe oder den Rat eines Spezialisten brauche», sagt die 36-Jährige.

Schrittweise Übernahme

Ausserdem ist Egg für Goridis- Misteli optimal, weil es weder ganz in der Stadt liegt noch ganz auf dem Land. In der Stadt seien die Probleme, weshalb die Patienten den Hausarzt aufsuchten, weniger vielfältig, und ganz auf dem Land sei man als Hausarzt noch mehr gefordert. «Es ist eine gute Zwischenlösung.» Dies auch, weil sie eine kleine Tochter hat, mit der sie so viel Zeit wie möglich verbringen möchte. Neben dem Vater ist auch die Grossmutter eine sehr grosse Unterstützung. «Da meine Mutter ganz in der Nähe der Praxis wohnt, kann ich die Kleine bei ihr lassen, sie ist aber trotzdem in meiner Nähe, und ich kann die Mittagszeit mit ihr verbringen. » Dass der Job als Hausärztin viel abverlangen wird, ist Goridis- Misteli bewusst. Deshalb schätze sie es umso mehr, dass sie auf ihre Familie zurückgreifen könne.

Offiziell übernimmt Maria Goridis-Misteli am 1. Mai die Praxis. Am Anfang wird Peter Vonmoos aber in einem reduzierten Pensum dort weiterarbeiten. Wie lang, ist noch unklar. «Eine schrittweise Übergabe macht die Übernahme einfacher. Die Patienten, die ich über Jahre hinweg betreut habe, müssen sich auch erst mal an ein neues Gesicht gewöhnen», so Vonmoos. Denn es habe durchaus Patienten gegeben, die mit seiner Praxisabgabe nicht zufrieden gewesen seien. «Viele haben sich aber auch für mich gefreut, dass ich in den Ruhestand gehen kann.»

Zeit, Sprachen zu lernen

Was er mit seiner freien Zeit künftig anfangen soll, dafür hat der angehende Pensionär schon Pläne. «Ich habe mir beispielsweise einen Schwerelosigkeitsflug geschenkt», sagt Vonmoos voller Vorfreude. Sonst werde er die Zeit für Sport und Reisen nutzen. Trips nach Paris und Rom sind geplant, wo er auch die Sprache besser lernen will. «Sonst werde ich mir auch einfach mal Zeit nehmen, um hinzusitzen und nachzudenken.»

Wehmut verspürt Vonmoos wenig. «Die Praxis war eine Herzensangelegenheit. Doch die Zeit ist vorbei, und ich freue mich wirklich sehr, zuerst ins zweite Glied zu treten, weil Selbstmitleid ein schlechter Ratgeber ist. Und ich kann die freie Zeit dann auch wirklich geniessen, weil ich weiss, dass meine Praxis in gute Hände übergeht.» Auch Goridis- Misteli freut sich auf die Zukunft in Egg. «Es ist ein schönes Gefühl, beruflich dort angekommen zu sein, wo man hinwollte.»